Robert Marc Lehmann

Ozeankind-Gespräch mit Robert Marc Lehmann – erster Teil

Robert Marc Lehmann über Nemo, Dorie, Cyanid-Fischer und internationale Hai-Zuchtprogramme

Robert Marc Lehmann hat gleich mehrere Traumberufe gleichzeitig: Robert ist National Geographic Fotograf des Jahres 2015, Abenteurer, Meeresbiologe, Forschungstaucher, Fotograf und Filmemacher. Er reist also um die Welt, taucht im Namen der Wissenschaft, untersucht dabei Haie, Wale, Delfine, Rochen, Robben und alles, was in unseren Ozeanen lebt, fotografiert. Nashörner auf Sumatra oder wandelt auf den Spuren von Charles Darwin auf Galapagos, er hat sein eigenes Schulprojekt und setzt sich für den Naturschutz ein – kurzum: Robert ist also definitiv ein Ozeankind.

Wusstest Du, das Nemo und Dorie mit Cyanid gefangen werden oder dass niemand weiß, wie viele Nemos und Dories es überhaupt noch gibt? War Dir bewusst, das es auf der ganzen Welt überhaupt kein wissenschaftlich belegtes Nachzuchtprogramm für Haie in Gefangenschaft gibt?

Robert ist halt so ein Typ, der nicht immer nur redet, sondern auch was tut. Der das tut wovon andere immer nur sprechen. Wer mehr über Robert erfahren möchte, kann sich gerne dieses Video anschauen oder auf seiner Internetseite vorbeischauen.

Vor etwa einem Jahr haben wir zum ersten Mal von Robert gehört – bzw. da haben wir ihn zum ersten Mal im Fernsehen gesehen. Wir waren sofort begeistert von seiner Passion, seinen Erzählungen und seiner Person. Spätestens als wir ihn dann auf der Charity-Veranstaltung von Sharkproject (siehe unser Bericht zu „Hai-Noon am Rhein“) erlebt haben und kurz mit ihm sprechen konnten, stand fest – DEN mal exklusiv interviewen, das wär geil!

Tja, was sollen wir sagen … letzte Woche war es dann soweit und wir konnten tatsächlich mit Robert sprechen! Er hat sich eine Menge Zeit genommen für uns und wir haben persönlich mit ihm telefoniert!

Und wieder Mal wurden wir in unserer Vision OZEANKIND bestätigt und haben nebenbei noch viele neue Dinge gelernt! 

Robert Marc Lehmann mit Robbe

© Robert Marc Lehmann

Nemo, Dorie und die Cyanid-Fischer

Nemo (Clownfisch, Anemomenfisch, Amphiprion spec.) und Dorie (Paletten-Doktorfisch, Paracanthurus hepatus) sind zwei typische Riffbewohner. Einige von uns hatten vielleicht schon einmal das Glück, diese wunderbaren Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten zu können. Nemo haben wir selbst schon mehrfach gesehen, an eine echte Dorie können wir uns nicht erinnern (liegt wahrscheinlich daran dass sie wieder mal vergessen hat wo sie wohnt). Niemand weiß, wie viele Nemos und Dories es auf dieser Welt überhaupt noch gibt – ganz einfach deshalb weil man sie nicht einfach so zählen kann.

Wir wollten wissen, woher denn die ganzen Nemos und Dories kommen, die wir so in den Aquarien dieser Welt betrachten können. Hier die Antwort:

„Fische wie Nemo und Dorie werden auf internationaler Ebene teilweise illegal gefangen – beispielsweise auf den Philippinen. Man setzt dazu eine Technik ein, von der wir eigentlich dachten dass sie der Vergangenheit angehört: dem sog. Cyanid-Fischen. Die Fischfänger sprühen Gift ins Riff und es entsteht eine Giftwolke – die Fische kommen an die Wasseroberfläche und die Korallen werden schwer beschädigt, bzw. sterben teilweise ab. Die Fischer sammeln dann die Fische, die sie haben möchten, ein und stecken sie in ein Fass. Wie Du Dir denken kannst, kommen von den eingesammelten Fischen aber nicht alle gesund und lebend am Zielort an – vielmehr schaffen es am Ende nur etwa 5-10% tatsächlich in ein Aquarium dieser Welt. Hier leben sie dann etwa 3-5 Jahre, obwohl sie in der Natur bis zu 30 Jahre alt werden.“

Keine erfolgreiche Nachzucht von Salzwasserfischen

„Im Falle von Nemo besteht glücklicherweise heute die Möglichkeit, relativ problemlos kleine Nemos kommerziell zu züchten. Bei fast allen anderen Salzwasserfischen, wie auch bspw. bei unserer vergesslichen Dorie besteht diese Möglichkeit allerdings nur in sehr seltenen Fällen bzw. definitiv nicht in der Anzahl, die auf dem Markt nachgefragt wird. Der Lebenszyklus von Salzwasserfischen ist zu komplex und vor allem lassen sich auch die Lebens- und Fressgewohnheiten dieser Tiere in einem Aquarium ganz einfach nicht nachstellen.

Aquarien brüsten sich zwar oft mit erfolgreichen Nachzuchten, jedoch ist es vielmehr meistens so dass die illegalen Wildfänge schon schwanger gefangen werden, dann im Aquarium ihre Jungen zur Welt bringen und das Aquarium behauptet, sie hätten erfolgreich Fische gezüchtet.“

Und wie ist das bei Haien? Angenommen ich möchte einen Schwarzspitzen-Riffhai für mein Aquarium – woher bekomme ich den?

Robert Marc Lehmann mit Haiflossen

© Robert Marc Lehmann

„Haie sind in der Regel Wildfänge. Oder sie stammen aus einem anderen Aquarium und werden abgegeben, weil sie zu groß geworden sind. Züchten lassen sich Haie in Gefangenschaft nur in absoluten Ausnahmefällen oder bei ganz bestimmten, einfachen und vor allem kleinen Haien (z.B. Katzenhaie) – angebliche Nachzuchten aller größeren Arten sind meistens auf bereits bestehende Schwangerschaften beim Fang zurückzuführen.

Die Haltung von Haien verbessert sich zwar weltweit und es werden langsam auch größere, anspruchsvollere Arten (wie z.B. Schwarzspitzen-Riffhai) nachgezüchtet, dennoch kann man nicht von einem Zuchtprogramm zur Arterhaltung sprechen. Die Nachzucht von großen, freischwimmenden Haien, bleibt eine Ausnahme. Haie können sich in seltenen Fällen auch asexuell fortpflanzen – beispielsweise ist dies bei Leopardenhaien beobachtet worden. Asexuelle Fortpflanzung bedeutet, dass ein Tier genetisch identische Junge von sich selbst produziert.

Wenn Du einen solchen Hai kaufen möchtest, hast Du als Aquarianer da so Deine Kontakte. Entweder wendest Du Dich an „offizielle“ internationale Tierfänger und sagst denen, dass Du einen Schwarzspitzen-Riffhai brauchst. Die sagen Dir dann „KEIN PROBLEM“ und innerhalb von z.B. zwei Monaten haben die Dir einen besorgt. Woher der am Ende kommt, weißt Du in den meisten Fällen jedoch nicht. Oder aber Du wendest Dich an andere Aquarien und fragst, ob sie irgendeinen Fisch mit Dir tauschen möchten.“

Kein internationales Zuchtprogramm für Haie

Riffhai

© Robert Marc Lehmann

„Am Ende des Tages gibt es auf der ganzen Welt kein internationales Zuchtprogramm für Haie – wenn ein Aquariumbetreiber wie Shark City (siehe unser Bericht zu „Shark-City“ hier) behauptet, sie würden 85% ihrer Haie aus anderen Aquarien „importieren“ oder aus internationalen Zuchtprogrammen nach Pfungstadt holen wollen, ist das schlicht und ergreifend gelogen. Über die Wildfänge müssen wir an dieser Stelle wohl nicht sprechen.

Alle Fische, egal ob Dorie oder Schwarzspitzen-Riffhai, gehören ins Riff und nicht ins Aquarium – im Falle von Dorie kommt hinzu dass niemand weiß wie viele Dories es überhaupt noch gibt. Das bedeutet es kann passieren das eine Dorie in den nächsten 10 Jahren plötzlich ausstirbt … und keiner merkt´s.“

Robert hat in seinem früheren Leben, bevor er das ganze Ausmaß dieser Illegalität verstanden hat, übrigens selbst als Fischfänger gearbeitet und war auch Abteilungsleiter eines Großaquariums. Er weiß demnach (leider) ganz genau wovon er spricht.

Der Tierhandel steht in Sachen Einträglichkeit gleich hinter Drogenhandel, Waffenhandel und Menschenhandel an vierter Stelle.

Am Ende des Tages kann man sagen, dass fast alle Fische und Meeresbewohner, die wir uns so in den Aquarien dieser Welt anschauen können, aus der freien Natur stammen. Egal ob Nemo, Dorie, Sebastian aus Arielle oder die vielen Haie.“

Hier gehts zum zweiten Teil

 

26. Juni 2017
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3. Juli 2017
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