Meine Verwandlung zum Plastikrebell

Bis Sommer 2016 …

… war ich mir dem ganzen Müll- und Plastikproblem in keinster Weise bewusst. Plastik gab’s halt. Überall. Normal eben. Schädlich für die Umwelt? Keine Ahnung. Immer nur konsumiert. Benutzt. Weggeschmissen. Niemals in die Natur. So vernünftig war ich dann doch. Aber das war’s dann auch. Strohhalme? Wieso nicht. Plastiktüten? Ja, ich hatte ja keinen Beutel dabei. Coffee-to-go? Ist doch schick damit durch die Stadt zu schlendern. Mikroplastikkügelchen in Duschpeelings sollen schädlich sein? Ach, das ist doch nur wieder irgendeine Panikmache. Mülltrennung? Wozu? Bringt doch eh nix. Alles rein in die Tonne. Wo das alles hinkommt und was damit passiert? Einfach keine Gedanken gemacht. Weg ist weg.

Und ich kann mir das noch nicht mal übel nehmen. Ich hatte einfach kein Bewusstsein dafür. So wie alle anderen um mich herum auch. Ich kann mich einfach nur wundern.

Ab Sommer 2016 …

… wurde es anders. Langsam. Schritt für Schritt. Es war ein Prozess. Aber anders funktioniert es auch nicht. Man muss hineinwachsen. In das Umdenken.

Das war der Zeitpunkt, wo wir uns (mein Freund Tobias und ich) entschieden eine Auszeit zu nehmen und eine Weltreise zu machen. Noch bevor unsere Tochter in die Schule kommt. Im ersten Halbjahr 2018 sollte sie sein. Unsere große Reise.

Die ersten Schritte und die Erkenntnis

Als erstes habe ich mein Konsumverhalten überdacht. Ich musste ja jetzt sparen. Shopping war ab jetzt tabu. Und es machte mir gar nichts aus. Ganz im Gegenteil. Ich hab mich viel besser gefühlt. Und es machte Spaß mich immer mehr von dem ganzen Zeugs zu trennen und es zu verkaufen. Ich interessierte mich plötzlich für Minimalismus und fand es unheimlich befreiend.

Und natürlich fingen wir an uns intensiv mit der Welt zu beschäftigen. Wo wir überall hinwollen und wie es da so ist. Südostasien war ein ganz großes Thema für uns. Denn da wollten wir immer schon mal hin, hatten es aber noch nie geschafft.

Tja, und wenn man sich mit SOA beschäftigt, wird man unweigerlich und frontal mit dem Müllproblem konfrontiert. Zugemüllte Strände, Müllinseln im Meer, gestrandete Wale mit dem Magen voller Plastik. Wasserschildkröten, die sich in Plastiktüten verfangen. Fische, die an Strohhalmen knabbern.

Immer mehr Bilder tauchten auf. Auch aus anderen Ländern. Aber mit immer dem gleichen Problem.

Ich war geschockt.

Wie konnte das passieren?

Veränderungsprozess in vollem Gang

Ich laß mich ein in das Thema. Begriff, um was es geht. Um unsere Zukunft. Um die meiner Tochter und allen anderen Kindern. Um unsere wunderschöne Erde. Die einfach so zerstört wird. Von uns. Ich beschäftigte mich immer mehr mit der Welt und all ihren Problemen.

Ich machte mir Sorgen. Lag oft lange wach. Ich wollte helfen, fühlte mich aber hilflos.

Ich fand viele Gruppen auf den Social-Media-Kanälen, die sich mit den verschiedensten Themen beschäftigten. Viele namhafte Organisationen. Aber alles irgendwie so weit weg. Ich wollte nicht einfach nur Geld spenden. Ich wollte selbst etwas tun.

Und ich tat auch etwas. Wir taten etwas. Schritt für Schritt. Wir hatten ab jetzt immer Jutebeutel beim Einkaufen dabei. Wir führten die Mülltrennung in unserer Hausgemeinschaft ein. Stilles Wasser aus Plastikflaschen kauften wir nicht mehr. Leitungswasser schmeckt genauso gut. Ich besorgte mir einen Coffee-to-go-Becher aus Bambus, den ich ab jetzt immer dabei hatte. Wir achteten beim Einkaufen viel mehr auf Plastikverpackungen und versuchten darauf zu verzichten. Wir reduzierten unseren Müll beträchtlich. Und ohne die Codecheck-App ging ich nicht mehr in die Drogerie.

Ozeankind

Und dann stieß ich auf Ozeankind. Das müsste im Frühsommer 2017 gewesen sein. Also kurz nach dem Marina und Micha ihre Mission und Vision offiziell gemacht hatten. Ich war sehr beeindruckt von dem Mut, den die beiden hatten und immer noch haben. Und außerdem waren sie auch noch sehr sympathisch. Auf Augenhöhe. Und mir damit viel näher.

Clean-Ups

In unserem Griechenland/Albanien-Urlaub im September 2017 war es dann soweit. Ich habe das erste Mal am Strand Müll aufgesammelt und Plastiktüten aus dem Meer gefischt. Es war komisch unter den Blicken der Leute. Aber es war auch ein tolles Gefühl endlich noch mehr tun zu können. Auch wenn es nur ein Tropfen ist, aber wie man immer so schön sagt: Many drops can make a waterfall.

Marina und Micha haben mich dazu animiert. Ich wäre vielleicht nicht auf die Idee gekommen. Obwohl es eigentlich auf der Hand liegt.

Und mir wurde klar, dass ich nicht einfach nur so reisen will. Ich wollte und will dazu beitragen die Leute aufzuklären. Ihnen vormachen, dass man seinen Müll nicht liegen lässt und am besten erst gar keinen produziert. Das sollte nun Teil unserer Reise sein.

Tobias und meine Tochter Mila habe ich natürlich auch damit infiziert. Sie sammeln fleißig mit.

Wir haben an jedem Ozeankind-CleanUp teilgenommen. Erst zu Hause und dann auf unserer Reise. Und auch zwischendurch gesammelt. Wenn es einfach mal wieder gar nicht ging. Wie z.B. in Thailand. Oder in Vietnam. Selbst in der Südsee. Auf einer kleinen Insel. Mitten im Pazifik.

Plastikvermeidung auf Reisen und der Umgang mit Müll in der Welt

Neben den Clean ups wollten wir auf unserer Reise auch möglichst versuchen auf Plastik und Mikroplastik zu verzichten und unseren Müll klein halten. Wir besorgten uns eine 2-Liter Drink-Bag für den Rucksack, die wir, wenn es möglich ist, mit Frischwasser auffüllen können. Ein zusammenfaltbarer Einkaufsbeutel steckte immer im Rucksack, für mich gab es nur noch Naturkosmetik inkl. der Sonnenmilch. Zum Duschen und Haare waschen nur noch Seife. Ich könnte die Liste noch fortführen, das würde aber den Beitrag sprengen.

Und sonst? War es nicht immer einfach.

Thailand

Dem Massenplastikkonsum in Thailand kann man kaum entkommen. Einzelne Bananen und Eier in Plastik verpackt. Man muss wirklich schnell genug sein, um an der Kasse zu sagen, dass man keine Plastiktüte möchte. Und im Café oder Restaurant hat man zack einen Strohhalm im Glas. Selbst, wenn man nur ein Wasser bestellt. Man darf nicht den Fehler machen und auf Streetfoodmärkten das Essen „To go“ mitnehmen. Sonst wird es erst in einer riesigen Styropor-Schachtel und dann noch mal in einer Plastiktüte verpackt. Mit Plastikgeschirr und der Soße noch mal extra im Plastikschälchen versteht sich. Seit diesem Zeitpunkt haben wir immer unser Bambusbesteck und unsere Bambusstrohhalme dabei.

Abseits der touristischeren Strände (die Touristenstrände werden dann schon sauber gehalten) jede Menge Müll, der entweder angeschwemmt oder einfach liegen gelassen wird. Von Einheimischen und Touristen gleichermaßen. Das meiste, was man findet: Plastikflaschen, Strohhalme, Trinkpäckchen, Chipstüten, Plastiktüten und alte Flip Flops.

Wahnsinn.

Mülltrennung, Recycling? Ist uns dort nicht aufgefallen.

Vietnam

In Vietnam war es schon ein wenig besser. Dort wird beim Streetfoodessen mehr mit Servietten und Papiertüten gearbeitet und nicht alles doppelt und dreifach verpackt. Eine wirkliche Mülltrennung ist uns aber auch dort nicht aufgefallen. In unserer Unterkunft wurde aber immerhin zwischen Plastic und Organic unterschieden. Doch auch in Vietnam wird abseits der Touristenpfade die Natur oft als Müllhalde genutzt. Auf unserer Zugfahrt von Da Nang nach Ho Chi Minh mussten wir das des öfteren mit ansehen.

Singapur, Australien, Neuseeland

Am saubersten war es in Singapur, Australien und Neuseeland. Dort lag so gut wie nichts rum. Und ganz häufig gab es Mülleimer, getrennt nach Papier, Plastik und Biomüll. Aber Supermärkte ohne Plastiktüten gab es auch dort nicht. Genauso wenig wie Lebensmittel ohne Plastikverpackungen.

Südafrika

In Südafrika ist uns stark aufgefallen (zumindest im Bereich der Garden Route), dass es immer mehr Lokalitäten gibt, die Plastik vermeiden (z.B. Strohhalme aus Metall verwenden oder ganz darauf verzichten) und auch per Schilder darauf hinweisen, dass die Ozeane geschützt werden müssen und auf Plastik verzichtet werden soll. Zudem bieten viele Cafés zusätzlich selbst hergestellte Naturkosmetik und Bio-Lebensmittel an.

 

Die Strände sind weitestgehend sauber. Bis auf die öffentlichen Badestrände wie z.B. der in Muizenberg bei Kapstadt. Viele Einheimische, viele Touristen. Beide lassen ihren Müll liegen, der dann vom Wind ins Meer geweht wird. Ich weiß gar nicht mehr wie oft wir auf unserer Reise einer wegwehenden Tüte oder Flasche hinterhergerannt sind, damit sie nicht ins Meer fliegt. Bei all den Unmengen von Plastikzeugs im Meer, diese sind aber wenigstens nicht dort gelandet. Und wer weiß schon, ob sich nicht vielleicht ausgerechnet in einer dieser Tüten eine Schildkröte verfangen hätte?

Südsee

Und dann war da noch die Südsee. Die kleinen Inseln, auf denen wir gewesen sind, waren wirklich sauber. Der Müll wird getrennt und die Müllabfuhr kommt mehrmals die Woche. Auf Moorea bspw., wo wir eigentlich ein Clean Up machen wollten, haben wir keinen einzigen Schnipsel gefunden. Die Locals dort sind auch sehr stolz auf ihre saubere Insel. Dennoch gibt es natürlich Touristen, die ihren Müll liegen lassen. Es gibt kleine abgelegene Motus bei anderen Inseln, auf denen nur Einheimische wohnen und an deren Strände leere Plastikflaschen gespült werden. Die von irgendwo herkommen. Vielleicht noch nicht mal aus der Südsee selbst.

Es gibt aber auch Locals, die mit ihrem Speedboot während der Fahrt (im Rahmen eines Schnorchelausflugs) eine scharfe Kurve drehen und ein Stück zurückfahren, damit der achtlose Tourist, dem seine Plastiktüte aus der Hand ins Meer geflogen ist, sie wieder herausfischen kann.

Dann gibt es große Inseln wie bspw. Tahiti. Mit großen Städten. Wo man das Gefühl hat, dass die Locals sich rein gar keine Gedanken machen. Die mit ihren übergroßen Einweg-Styropor-Essensverpackungen an den Hafen, den Strand oder in den Park gehen. Und eben diese Verpackungen dort achtlos liegen lassen. Meistens prankt ein großes M darauf. Ein gerade dort mir unverständlicherweise sehr beliebtes Fastfood-Lokal.

Iguazu Wasserfälle

Große Naturwunder wie z.B. die Iguazu Wasserfälle in Argentinien bzw. Brasilien werden geschützt. Zumindest versucht man es. Überall stehen Mülleimer getrennt nach Plastik, Bio und Papier und die Besucher werden inständig darum gebeten diese auch zu nutzen. Das hält allerdings manche dennoch nicht davon ab ihren Müll zu verteilen. Ich will gar nicht immer unterstellen, dass es mit Absicht gemacht wird. Manchmal reißt einem der Wind auch einfach etwas aus der Hand oder man lässt aus Versehen etwas fallen und bemerkt es nicht. Aber ein bisschen mehr Achtsamkeit würde schon viel helfen.

Fazit

Auf unserer Reise um die Welt wurde es uns live vor Augen geführt wie viel Müll jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde von Millionen, nein Milliarden von Menschen produziert wird. In jedem Land, in jeder Stadt, in jedem Ort. In dem einen mehr, in dem anderen weniger. Aber insgesamt zu viel.

Oft steht man einfach nur da. Fühlt sich hilflos. Möchte die Augen verschließen. Denn man kann es ja eh nicht ändern. Aber dann rafft man sich wieder auf, man weiß ja wofür, sammelt diese eine Plastiktüte ein und hofft, dass immer mehr Menschen es nachtun. Man schaut den Supermarktkassierern/-innen in die Augen und sagt zum x-ten Mal mit fester Stimme: „I don’t need a plasticbag.“ Oder gibt sie unter genervten Blicken wieder zurück, wenn man zu langsam war und die Sachen schon binnen Sekunden verstaut wurden.

Hoffnung und Dranbleiben

Ich habe große Hoffnung, weil ich weiß, dass ich auch mal „anders“ war. Und jetzt trotzdem ein Plastikrebell geworden bin. Meine nächsten Anschaffungen werden kleine, wiederverwendbare Gemüse- und Obstnetze und Waschmittel ohne Mikroplastik sein.

Aber ich bin nicht perfekt und knicke manchmal noch ein, weil mir einfach gerade die Kraft oder die Zeit fehlt. Mit dem ultra schlechten Gewissen muss ich dann klarkommen hinterher. Aber ich bin weiter dran.

Zero waste ist aber nicht mein Ziel. Ich möchte einfach nur andere Leute zum Umdenken bewegen. Und das geht am besten, in dem man es ihnen vormacht. Und ich möchte meiner Tochter beibringen wie wichtig es ist, unsere Umwelt zu schützen. Im Familien-/Freundes- und Bekanntenkreis konnte ich schon einige wachrütteln. Vielleicht sind sie noch lange nicht so weit wie ich, aber zumindest haben sie ein Stück das Bewusstsein dafür bekommen. Und vielleicht lässt der ein oder andere, der mich, uns beim Müll sammeln gesehen hat, seinen Müll nun nicht mehr achtlos liegen.

Vielen Dank an Ozeankind, die mir den letzten nötigen Schubs gegeben haben. Die es jetzt schon geschafft haben so viele Leute zu motivieren etwas zu tun. Und die immer wieder zeigen, dass viele gemeinsam, Großes bewirken können.

Ein großes Dankeschön an Romy und ihre Familie. Wenn Du diese wahnsinnig, tolle Familie auf ihren weiteren Reisen begleiten möchtest, geh auf deren Blog und die dazugehörigen Social-Media-Kanäle:

8. Juli 2018
Meeresschildkröten und Plastikmüll
5. August 2018
Abtauchen – Stille. Über meine unendliche Liebe zum Meer

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