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5 Fragen an – Thilo Vogel, Dachzeltnomaden und Plastikmüll

Dachzeltnomaden und Plastikmüll – wie man auch im Auto auf die Umwelt achten kann – 5 Fragen an Thilo Vogel

Dachzeltnomaden sind Abenteurer. Sie lieben es, morgens das Zelt zu öffnen und die wunderbare Aussicht von den Dächern der Fahrzeuge zu genießen. Sie fühlen sich der Natur verbunden und suchen gerne abseits der asphaltierten Straßen an den einsamen und romantischen Plätzen dieser Welt ihre persönlichen Glücksmomente. Diese Beschreibung stammt von der offiziellen Seite der Dachzeltnomaden. Aber Dachzeltnomaden und Plastikmüll – wie passt das zusammen? Sehr gut scheinbar, wie uns Thilo, der Dachzeltnomade schlechthin, erzählt hat.

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Thilo bezeichnet sich selbst als Dachzeltnomade – und neben ihm machen das noch eine überraschend hohe Anzahl anderer Menschen. Wir haben Thilo zum allerersten Mal auf der DNX 2017 in Berlin kennen gelernt und sind, als wir zusammen in der Schlange auf das Essen gewartet haben, kurz ins Gespräch gekommen. Und schon damals ist uns der „etwas andere“ Ford Mondeo aufgefallen, der dort herumstand.

Und als jemand, der immer auf Achse ist und dessen Auto zumeist nicht von der örtlichen Müllabfuhr berücksichtigt wird, gilt es natürlich vor allem um das clevere Vermeiden von Verpackungsmüll – und der gute Thilo hat da die eine oder andere gute Lösung gefunden. Wie für vieles andere auch – aber lest selbst …

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Ozeankind: Sag mal, wie bist Du eigentlich auf die Idee gekommen, dauerhaft in einem Auto zu leben? Erzähl doch mal, wie kann man sich Deinen normalen Alltag vorstellen?

Thilo: Irgendwann hatte ich genug vom höher, schneller, weiter. Es ging immer nur darum mehr von allem zu haben. Mehr Geld, mehr Erfolg, mehr Besitztümer… – Ich hatte das Gefühl, die Gesellschaft schreibt dir vor, dass du es so oder so machen musst, sonst funktioniert das nicht. Ich habe mich in dem berühmten Hamsterrad wiedergefunden.

Ich hatte ein gut laufendes Fotostudio-Business mit Mitarbeitern und musste mich um Aufträge kaum kümmern. Aber am Ende blieb keine Freizeit übrig. Die Wochenenden waren futsch und ich stand jeden Morgen auf, um andere Menschen/Firmen mit meinen Bildern glücklich zu machen. Dabei blieb ich selber leider auf der Strecke. Ich fühlte mich gefangen in einem goldenen Käfig der Selbständigkeit. Das hat mich gelähmt.

 

 

Das war der Punkt, wo ich begonnen habe, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich meine Selbstbestimmung wieder erlangen konnte. Eine gangbare Lösung lag in der Reduktion: Weniger (ver)brauchen und dadurch auch weniger umsetzen/verdienen zu müssen. Das Thema Reduktion und Minimalismus hat mich seit dem nicht mehr los gelassen.

Stück für Stück habe ich den Großteil meiner Besitztümer reduziert, bis letztendlich alles, was ich brauchte, in mein Auto passte.

Außerdem fand ich den Gedanken spannend, nicht von jedem Foto-Auftrag wieder nach Hause fahren zu müssen und danach zum Nächsten. Viel erstrebenswerte fand ich die Idee, einfach überall dort bleiben und arbeiten zu können, wo es mir gefällt. Das war der Anfang von einem Prozess an dessen Ende ich im Juni 2016 meine Wohnung komplett kündigte und ins Auto zog.

Und so sieht mein Alltag aus: Ich wache meist ohne Wecker auf. Bin trotzdem recht früh auf den Beinen und beginne mein Tag mit Yoga. Ich brauche diese Zeit für mich. Danach wird gefrühstückt. Am liebsten mit schöner Aussicht. Manchmal findet man mich aber auch in einem Cafe. Danach gehts an den Schreibtisch (Ja, ich habe einen im Auto und arbeite tatsächlich am liebsten von meiner Rücksitzbank aus). Gerade steht die Organisation des von mir ins Leben gerufene DACHZELT FESTIVALS an. Das feiern wir vom 21. bis 24. Juni 2018 mit ca. 500 Dachzeltnomaden oder denen die es werden wollen im Freizeitpark Mammut in Stadtoldendorf. Camping, Offroad, Workshops, Vorträge, eine Händlermeile, Spiel und Spaß für Kids – wird von mir und einem kleinen Team organisiert. Da gibt es viel zu tun.

Auch das füllen des Blogs (www.dachzeltnomaden.com) mit Inhalten und die Administration der Community mit mittlwerweile über 4700 Mitgliedern braucht viel Zeit. Gott sei Dank habe ich dabei mittlerweile auch tatkräftige Dachzeltnomaden-Unterstützung gefunden.

Wenn ich nicht arbeite, entdecke ich gerne die Umgebung, mache Fotos und Videos und tatsächlich erlebe ich immer die spannendsten Geschichten hier draußen. Wenn man nicht will, ist man nie alleine. Immer kommen Menschen vorbei, die vom Dachzelt fasziniert sind, man unterhält sich hier und da und – ja, ich werde sogar von wildfremden Menschen zum Duschen, Kaffee oder Frühstück eingeladen. Wirklich faszinierend!

Abends suche ich mir einen schönen Stellplatz für die Nacht. Beim Dachzelten ist Ruhe sehr wichtig. Die muss man aktiv suchen. Campingplätze sind nicht meins. Ich stehe gerne in der Natur, am Wald, am Meer, an Seen und Flüssen. Je einsamer und mit je mehr Aussicht, desto besser.

Abends klappte ich gegen 10 Uhr mein Zelt auf, mache mich bettfertig und hüpfe hinein.

Ozeankind: Wie handhabst Du das mit dem ganzen Verpackungsmüll im Auto? Wir könnten uns vorstellen, dass es im Auto recht schwierig ist, möglichst wenig Plastikmüll zu vermeiden. Hast Du vielleicht das eine oder andere coole Reisegadget, das Du so dabei hast um möglichst wenig Plastikmüll zu produzieren?

Thilo: Ich achte schon beim Kauf darauf möglichst wenig Müll zu erzeugen. Das ist nicht immer einfach, denn erstes versuche ich immer kleinere Portionen zu kaufen, weil ich keinen Kühlschrank habe und alles schneller verbrauchen muss und zweitens gibt es einige Verpackungen, die sind auf Reisen einfach super praktisch.

Dennoch benutze zum Beispiel wiederverschließbare und wiederverwertbare Zipper-Tüten. Das ist zwar auch Plastik, aber immerhin wird es mehrfach eingesetzt und hat einen längeren Lebenszyklus. Zwei, drei Tupperdosen helfen mir Ordnung zu halten. In Norwegen habe ich mir einen Coffee to Go Becher geholt, den man an jeder Circle-K Tankstelle umsonst auffüllen konnte. Umsonst geht das in Deutschland nicht mehr, aber der Becher ist geblieben und immer noch im Einsatz. So vermeide ich den To Go Abfall.

Klar, Einkaufstüten braucht man nicht, wenn man einen Beutel oder Rucksack mitnimmt und Gemüse und Obst muss auch nicht immer für den kleinen Weg zum Auto in einer dieser dünnen Plastiktüte landen. Ich schnappe mir meist im Supermarkt einen Karton aus dem Altpapier-Container und hauche ihm für kurze Zeit des Transportes ein zweites Leben ein.

Ich habe nur zwei Mini-Mülleimer im Auto. Nicht größer als ein kleiner Blumentopf. Es ist lustig: Wenn man weniger Platz für Müll hat, erzeugt man auch weniger. Mein Müllaufkommen hat sich, seit ich im Auto lebe, gefühlt mehr als halbiert.

Ozeankind: Wie entsorgst Du den Müll, den Du produzierst, wenn Du keine gelbe Tonne oder keine Restmülltonne hast?

Thilo: Ich entsorge meinen Müll immer in den öffentlichen Mülleimern. Wenn es Trennung gibt (Bahnhöfe, Tankstellen, Raststätten), dann nutze ich sie auch. Ansonsten kommt alles in den normalen Müll. Bis auf Glas, das entsorge ich extra.

Ozeankind: Immer wieder sehen wir wunderschöne Bilder von Orten in der Natur, an denen Du morgens aufwachst – sehr beneidenswert. Aber mal Hand aufs Herz – räumst Du vorher den ganzen Plastikmüll weg oder gibt es da, wo Du immer „wohnst“, wirklich so gut wie keinen Müll? Gab es eine Art „schockierendstes“ Erlebnis – welches?

Thilo: Natürlich gibt es immer und überall, wo ich bin, Müll. Mal mehr mal weniger. Es sind ja auch meist die abgelegenen Orte, die ich mir aussuche, wo kein städtischer Reinigungsdienst vorbei schaut. Manchmal ist es so viel, dass es mir so leid tut, dass ich anfange, sofort aufzuräumen und den Müll dort zu entsorgen, wo er hingehört. Wenn es sich in Grenzen hält, dann mache ich das kleine Müll-Programm kurz vor meiner Abreise: Eine Runde mit dem Müllbeutel und so viel einsammeln, wie es geht. Meist so lange, bis der Platz an dem ich war, sauber ist. Das ist auch mein Credo geworden: Hinterlasse jeden Platz sauberer als du ihn vorgefunden hast.

Ich würde sogar so weit gehen, und behaupten, dass Wild-Campen einen Beitrag zur Umwelt leisteten könnte: Wenn nur 10% der Camper diesem Credo folgen würden, hätten wir sogar eine Lösung für das außerstädtische Müllproblem gefunden.

Schockierend ist es dann, wenn du auf so viel Müll triffst, dass du im wahrsten Sinne des Wortes kein Land mehr siehst. Dann kommst du dir hilflos vor. Ich versuche mir in solchen Situatuionen immer zu sagen: Tu wenigstens ein bisschen – das ist mehr als nichts.

Ozeankind: Eine Frage noch – wenn Du eine Sache ändern könntest, die deine ganz persönliche Welt im Hinblick auf den Plastikwahnsinn auf dieser Welt mit einem Fingerschnippen verbessern würde – welche Sache wäre das – und warum?

Thilo: Ich würde gerne ein Bewusstsein in den Köpfen der Menschen erzeugen, dass dir auf moralischer Ebenen untersagt, Dinge zu produzieren/zu kaufen/zu konsumieren, die nicht irgendwie recycelbar oder abbaubar sind. Wenn es um Geld geht, dann gerät dieser Gedanke leider sofort in den Hintergrund.

Ich glaube, dass unser Müll-Problem im Kopf anfängt. Wenn wir kein schlechtes Gefühl dabei haben, etwas umweltschädliches/umweltbelastendes/schwer abbaubares zu produzieren, oder zu hinterlassen, werden wir es nicht ändern. Es ist normal geworden. Wir machen uns darüber zu wenig Gedanken. Die wenigsten übernehmen Verantwortung für ihr Handeln und ihre Hinterlassenschaften. Das ist der Kern. Wenn wir den auflösen, dann lösen wir das Problem an der Wurzel – mit einem Fingerschnipp 🙂

Danke Thilo!

Wer jetzt neugierig ist und noch mehr wissen möchte …
www.dachzeltnomaden.com

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