Rückenflosse Weißer Hai Südafrika

Meine erste Begegnung mit dem Weißen Hai

Mein erstes Mal – Auge in Auge mit dem weißen Hai

Es war so unbeschreiblich schön, Dich endlich mal mit meinen eigenen Augen beobachten zu können. Meine Begegnung mit dem Weißen Hai.

Ich kletterte in den Käfig und machte es mir bequem. Knappe zehn Minuten lang sah ich nichts als Meeräschen – hunderte, ja tausende von Ihnen schwammen seelenruhig von links nach rechts und von rechts nach links. Doch plötzlich bewegten sich all die kleinen Fische ganz schnell und schwammen aufgeregt hin und her. Dann waren sie auf einmal weg.

Da wusste ich: JETZT ist der Moment. Jetzt gleich wird etwas in Erfüllung gehen, von dem ich schon als kleiner Junge geträumt hatte. Ich würde das faszinierendste, mysteriöseste und aufregendste Tier des Ozeans sehen – mit meinen eigenen Augen.

Und so waren es nun meine Augen, die aufgeregt von links nach rechts und wieder von rechts nach links wanderten. Auf der Suche nach einem großen, weißen Fisch.

Da warst Du – viereinhalb Meter lang, geschätzte anderthalb Meter breit. In Echt bist Du viel größer als es in allen Dokumentationen ausgesehen hat. In aller Seelenruhe schwebtest Du an mir vorbei – nicht aufgeregt, nicht hektisch, einfach nur unfassbar selbstbewusst. Mein komplettes Blickfeld war von Dir ausgefüllt. Von einem Tier, welches in der Realität nicht nur viel größer, sondern auch noch viel schöner war als ich es mir jemals erträumt hatte.

Du warst weniger als einen Meter von mir entfernt.

Weisser Hai guckt aus dem Wasser Cage-Diving

Begegnung mit dem Weißen Hai

Ich war mir sicher: auch ohne Käfig hättest Du mir nichts getan. Du bist nicht per sé gefährlich für uns Menschen – denn am Ende bist Du nur ein großer Fisch. Das faszinierendste Wesen der Weltmeere.

Später habe ich erfahren, dass Du sogar einen Namen hast. Die Menschen haben Dich „Scarlett“ getauft. Wegen der vielen Narben, die Du hast. An Deinem Kopf, Deinem Körper, an Deiner Rückenflosse, an der Schwanzflosse.

Scarlett, ich habe ohne Zweifel Respekt vor Dir – es ist Dein Lebensraum, Deine Welt, Dein Revier – und ich bin nur zu Besuch.

Angst vor Dir habe ich nicht und hatte ich auch nie.

Ich habe keine Angst vor Haien im Ozean.

Ich habe vielmehr Angst vor Ozeanen ohne Haie.

Denn wenn es im Ozean keine Haie mehr gibt, dauert es nicht mehr lange und dann gibt es am Ozean auch keine Menschen mehr.

Pass auf Dich auf, Scarlett.“

Angst

„Angst“ ist ein gutes Stichwort.

Was ist eigentlich Angst? Angst ist der Zustand, wenn man sich vor etwas fürchtet.

Aber wovor fürchten wir uns? Vor der Ungewissheit? Vor den möglichen Auswirkungen des Sensationsjournalismus? Davor, dass direkt hinter dem Riff ein Hai auf uns wartet, der uns dann in Stücke reisst und auffrisst?

Menschen fürchten sich oft vor Dingen oder Wesen, die sie nicht kennen. Vor Dingen oder Wesen, die größer sind als sie selbst, die spitzere Zähne haben, die mehr Kraft haben oder die schneller sind als sie selbst. Vor Wesen, die keine Stimme haben, denen man mit Worten nicht begegnen kann.

Es stellt sich jedoch die Frage, wer hier eigentlich Angst haben muss – und ich spreche hier von begründeter Angst.

Wir Menschen, die wir millionenfach jeden Tag im Ozean baden, schwimmen, schnorcheln, tauchen oder surfen, ohne das uns etwas passiert?

Oder die Haie, von denen wir Menschen jedes Jahr mindestens 100 Millionen töten.

Weisser Hai Südafrika

© Copyright: Juan José Sanz Latorre

Wir töten, weil wir uns fürchten

Weil wir uns fürchten vor dem Monsterhai, vor menschenfressenden Bestien. Vor mediengemachten Monstern, vor rücksichtslosen und kaltblütigen Killern.

In Wirklichkeit fürchten wir Menschen uns vor einen Phantom.

Ein anderes Wort für Phantom ist Gespenst. Und ein Gespenst ist bekanntlich ein Wesen, das nicht wirklich existiert.

Und schon als Kind lernen wir irgendwann, dass sich unter unserem Bett KEIN Gespenst versteckt.

Man muss sich immer fragen, was hinter den reißerischen Schlagzeilen der Presse steckt.

Wenn es heißt, dass die Zahl der Zwischenfälle mit Haien an einem bestimmten Strand in den USA in den letzten 20 Jahren dank der neuen Fangnetze um 50% gesunken ist, hört sich das besser an als wenn man schreiben würde, die Zahl der Zwischenfälle in den letzten 20 Jahren sei an diesem Strand von 2 auf 1 gefallen. Beides beschreibt das Gleiche. Verschwiegen wurde dabei auch, dass in den Netzen 312 Schildkröten, 129 harmlose Riffhaie und 22 Delfine gestorben sind. Aus Versehen.

Doppelmoral

Ich frage mich: Woher kommt diese Doppelmoral? Nilpferde töten jedes Jahr Menschen. Krokodile auch. Moskitos. Löwen. Quallen. Hunde. Und Verkaufsautomaten.

Töten wir die jetzt auch alle?

Wir töten Haie aus Angst. Wir töten Haie aus Konsumgier und NICHT, weil wir sie für unsere Nahrung benötigen würden.

Wir töten Haie für Haifischflossensuppe, Hundefutter, Katzenfutter, Fish and Chips, Schillerlocken, für wirkungslose Medikamente oder für andere vermutlich sinnlose Produkte, welche wir entweder selbst konsumieren oder sie unseren Haustieren zum Fressen geben.

Wisst Ihr, wer wirklich Angst haben muss? Die Haie – und zwar in dem Moment in dem ihnen Menschen bei lebendigem Leibe die Flossen abschneiden und die bewegungsunfähigen Haie wieder zurück ins Meer werfen.

Oder in dem Moment, in welchem sie in einen der herrlich duftenden Köder beißen, der aber leider an einer für den Hai nicht sichtbaren Langleine hängt und von dem sie dann nicht mehr loskommen. Oder wenn sie seelenruhig umherschwimmen und plötzlich in einem Netz hängen bleiben.

In diesem Moment hat ein Hai vermutlich Todesangst. Haie oder Tiere generell haben keine Gefühle? WOHER GENAU wollen wir das eigentlich wissen?

Wer sind wir dass wir das einfach mal behaupten? Arroganz nenne ich das.

Und manchmal frage ich mich, wie wir uns wohl fühlen würden wenn man uns bewegungsunfähig ins Wasser schmeißen würde, ohne Gliedmaßen. Ob wir dann Angst hätten?

Todesangst hätten wir.

Das einzige Wesen auf diesem Planeten, vor dem wir Angst haben sollten, sind wir selbst, aber ganz bestimmt nicht vor dem Hai. Denn in Wirklichkeit sind wir Menschen die Monster, kaltblütig und rücksichtslos. Wir töten Haie, fressen Tiere und bringen uns am Ende sogar systematisch gegenseitig um.

Wenn Haie Menschen bewusst angreifen oder gar töten wollten, könnten Sie das ohne Probleme tun. Täglich. Tausendfach. Überall, in allen Ozeanen dieser Welt. Denn wir können uns sicher sein – unzählige Haie haben uns bereits gerochen, gefühlt und gesehen … aus der Tiefe, von links, von rechts.

Denkt mal drüber nach.

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